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Bin ich etwa otrovertiert? Persönlichkeitstypen im Check


Bild: Franziska Gabbert/dpa-tmn

Wer bin ich – und warum verhalte ich mich so, wie ich mich verhalte? Kaum eine Frage beschäftigt Menschen so sehr wie die nach der eigenen Persönlichkeit. Bin ich jemand, der auf Partys aufblüht? Oder brauche ich nach einem langen Tag vor allem Stille und Ruhe? 

Hinter solchen Alltagsbeobachtungen steckt eine der ältesten Unterscheidungen der Psychologie: Extraversion und Introversion. Experten erklären, was die Begriffe wirklich bedeuten, was uns diese Einordnung bringt – und ob wir unseren Persönlichkeitstyp verändern können.

Die Begriffe und ihre Herkunft 

Die Begriffe Extraversion und Introversion prägte der Schweizer Psychoanalytiker Carl Gustav Jung in seinem Werk «Psychologische Typen»: Extraversion bedeutet, dass sich die psychische Energie eher nach außen richtet – bei Introversion nach innen. 

Doch diese Begriffe sind keine starren Kategorien, sondern Pole eines Spektrums. «Die harte Einteilung in Typen ist eine Vereinfachung», sagt der Mediziner Dirk Stemper, der in Berlin eine Privatpraxis für Psychotherapie betreibt. Es geht um Verhaltenstendenzen, also Vorlieben.

Extraversion ist dabei eine der fünf großen Grunddimensionen der Persönlichkeitspsychologie, die sogenannten Big Five. Sie beschreibt eine Tendenz zu Geselligkeit, Aktivität, Durchsetzungsfähigkeit und der Suche nach sozialen Reizen. Extravertierte sind typischerweise spontan, denken häufig laut und fühlen sich in Gesellschaft wohl. «Das hat nichts mit Oberflächlichkeit zu tun», sagt Stemper. Extraversion sage nichts über Tiefe oder Intelligenz eines Menschen aus.

Introvertierte Menschen zeigen diese Eigenschaften weniger stark. Sie sind zurückhaltender, schätzen Ruhe und verarbeiten Eindrücke stärker nach innen. «Introvertierte mögen kleinere, vertraute Gruppen und ermüden schneller in sehr stimulierenden Umgebungen», sagt Frank Spinath, Professor für Differentielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität des Saarlandes. Schüchternheit oder gar soziale Phobien sind damit nicht gemeint.

«Weder Extra- noch Introversion hat einen Krankheitsbezug», stellt Dirk Stemper klar.

Was Otroversion meint - und was nicht

Zuletzt tauchte auch der Begriff «otrovert» vermehrt auf, geprägt durch ein Buch des Psychiaters Rami Kaminski. Er soll Menschen beschreiben, die sich keiner der beiden klassischen Kategorien zuordnen lassen.

Otroversion meint demzufolge Menschen, die sich in Gruppen innerlich nicht zugehörig fühlen. Sie sollen kreativ und sozial kompetent sein, gesellig, erleben sich aber als unabhängige Beobachter statt als Teil eines Wir. 

Damit unterscheidet sich das Konzept dem Anspruch nach von der Ambiversion – das ist der bereits bestehende Begriff für Menschen, die in der Mitte der Extraversions-Skala liegen – durch den besonderen Fokus auf das Erleben von Nicht-Zugehörigkeit.

«Es geht um das Gefühl, anders zu sein, nicht dazuzugehören, das aber zu feiern», sagt Frank Spinath. Normalerweise erlebten Menschen, die sich nicht zugehörig fühlen, das nicht als positiv. Wissenschaftlich belegt sind die Beobachtungen von Kaminski bislang nicht. «Otroversion ist kein in der empirischen Persönlichkeitsforschung etablierter Fachbegriff, sondern ein populäres Label», sagt Dirk Stemper.

«Typisch Intro»: Hilfreiche Schublade?

Aber ist es überhaupt hilfreich, sich selbst und andere anhand von Persönlichkeitstypen einzuschätzen? «Das ist im Alltag kein hilfreicher Deutungsrahmen», sagt Stemper mit Blick auf die Beurteilung anderer Menschen. «Merkmale dürfen nie zur ganzen Geschichte werden.»

Zu wissen, dass jemand extravertiert ist, erkläre im Alltag nichts. «Wer viel redet, ist kein Typ, sondern will Gehör finden und etwas mitteilen, vielleicht auch ablenken», sagt Stemper. Die Gefahr von Typenbrillen bestehe darin, dass sie Menschen auf Etiketten reduzieren und soziale, kulturelle und biografische Faktoren ausblenden.

Frank Spinath hingegen sagt, dass es hilfreich sein kann, Persönlichkeitsmerkmale zu kennen: Etwa, wenn es darum geht, Verhalten zu verstehen. 

Zu wissen, wie man selbst tickt und was die eigene Persönlichkeit prägt, kann außerdem dazu beitragen, Verständnis für sich selbst zu entwickeln. So lassen sich Arbeit, Erholung und Beziehungen gezielter gestalten.

Die Kehrseite sind laut Dirk Stemper Selbsteinengung und Pathologisierung: Wenn Introversion etwa als Defizit gilt oder Menschen sich und andere auf Typen festlegen, statt Spielräume für Lebendigkeit und Veränderung zuzulassen. 

Der Psychotherapeut warnt nicht zuletzt vor selbsterfüllenden Prophezeiungen – nach dem Motto: «Ich bin introvertiert, deshalb mache ich keine Präsentationen.» So besteht die Gefahr, dass Menschen ihre Entwicklungschancen nicht nutzen. Je mehr eine Person unangenehme Situationen vermeidet, desto weniger verändert sie sich.

Der Wille zur Veränderung

Wer seine Persönlichkeit verändern möchte, sollte realistische Erwartungen mitbringen. Denn wie stark Extraversion oder Introversion ausgeprägt sind, ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. «Die Ähnlichkeit zu unseren Eltern in diesen Dimensionen ist nahezu komplett genetisch bedingt, auch wenn wir das nicht unbedingt wahrhaben wollen», sagt Frank Spinath.

Hinzu kommen andere Faktoren. «Mit der Zeit entsteht eine Mischung aus biologischen, individuellen und Umweltfaktoren, die auf Stabilität hinwirkt», sagt der Professor. All das macht eine grundlegende Persönlichkeitsänderung schwierig – unmöglich ist sie aber nicht.

Moderate, messbare Veränderungen sind möglich. Aber: «Das klappt nicht über Nacht oder nach einem Seminar», sagt der Psychologe. Wer etwa introvertierter ist und geselliger werden möchte, kann gezielt Interventionstechniken nach klinischen Methoden einüben, immer wieder Grenzen überschreiten und – ähnlich wie in der Verhaltenstherapie – neue Bewertungsschemata entwickeln. «Man muss die Veränderung wirklich wollen und sich am besten professionell begleiten lassen», so Spinath.


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(21.05.2026)


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